Samstag, 3. September 2022

Tag 29: Panice Soprana über den Colle di Tenda bis Ventimiglia

Panice Soprana über den Colle di Tenda bis Ventimiglia:

WAHNSINN! Kann ich da nur sagen. Ein absolutes Highlight!

Am Vorabend hatte ich noch 4 verschiedene Wetter APPs nach der Wetterlage befragt. Alle zeigten einheitlich Gewitter, Regen bis Starkregen für den ganzen Tag für die Region des Colle di Tenda an. Super! So was brauch ich genau gar nicht. Aber die Wetterprognosen hatten schon einige Male unrecht, somit hab ich sie einfach ignoriert.

In der Früh schaute ich aus dem Fenster. Ah ja? Blauer Himmel. Das Thermometer auf meinem Navi zeigte 12 °C an. Perfekt!

Mein Frühstück war mager. Ein Fingerhut voll Kaffee, eine (!!!) Scheibe Brot und ein Croissant. Mineralwasser nahm ich mir aus dem Kühlschrank an der Bar. Einigermaßen satt fuhr ich los.

Mein Quartier war direkt an der alten Passstraße, also ging es gleich bergauf. Auffi auf den Berg. Die Ligurischen Alpen warteten auf mich. Die ersten Meter musste ich erst meinen Rhythmus finden. Aber bald kam ich richtig in Fahrt. Anfangs war ich immer wieder im Wald unterwegs, hatte aber auch einige offene Bereiche, in denen ich auf Panice Soprana runterschauen konnte. Der Ort wurde immer kleiner und lag immer tiefer unter mir. Der Himmel war kitschig blau, die Sonne schien.




Bei diesem verfallenen Haus wollte ich kurz absteigen, um es zu fotografieren. Ein Blick auf meine Höhe am Navi sagte mir aber: nein, da geht noch mehr, bevor du absteigst! Also fotografierte ich es beim Fahren.



Kehre für Kehre kletterte ich höher. Das Bergpanorama wurde immer imposanter, je höher ich kletterte. Mal hatte ich 8 bis 9 % Steigungsgrad, dann wiederum nur 5 bis 7 %. Die Kehren waren immer besonders angenehm, da sie flacher als die Geraden waren. Aber auch die Geraden hatten teilweise nur einen moderaten Steigungsgrad. Ich war vermutlich die einzige Radfahrerin unterwegs. Außer mir sah ich nur ein paar Autos, die ebenfalls hinauffuhren. Darunter ein Carabinieri-Auto. Ich befürchtete schon, dass sie mich abstoppen würden. Aber sie grüßten nur freundlich. UFFF.... Glück gehabt. Ich und die Carabinieri! Ein Thema für sich!




Beim Chalet Le Marmotte teilte sich die Straße und ich dachte zuerst, da ist schon die Passhöhe? Ich schaute auf meine Höhe am Navi. Ähm ... nein, mir fehlen noch Höhenmeter. Das kann's noch nicht sein. Der linke Ast kann nur die Ligurische Grenzkammstraße sein, während der rechte Ast auf den Tende raufgeht. Eine langgezogene Grade, eine Kurve nach rechts und noch einmal eine langgezogene Grade. Steigungsgrad 14 %. Ich musste mich doch noch ein bissl anstrengen für meinen Pass! Bei einer alten Ruine am Wegesrand kreuzte eine Kuh meinen Weg.





Und am Ende der langen Geraden war ich schließlich oben! Oben auf dem Colle di Tenda auf 1870 m Höhe! Ich suchte zuerst die Passtafel und fand sie nicht gleich auf Anhieb.




Ein Italiener, der an der Tafel stand, erklärte mir, ich solle doch die gesamte Ligurische Grenzkammstraße fahren.

Die Ligurische Grenzkammstraße (häufig als LGKS abgekürzt, französisch Route du Marguareis; italienisch Alta via del Sale) führt als ehemalige Militärstraße entlang der Grenze zwischen Frankreich und Italien. Ihre auf losem Untergrund befahrbare Länge beträgt 63 Kilometer – vom Colla Melosa bis zum Abzweig am Colle di Tenda. Ein Großteil der Straße befindet sich in Höhenlagen über 2000 Meter. Die Grenzkammstraße wurde insbesondere zwischen den Weltkriegen in der Mussolinizeit benutzt und instand gehalten. Zahlreiche Militärforts, wie das Forte Centrale am Tenda-Pass von 1880, säumen die hochalpine Kammstraße. Die meisten Höhenforts wurden zwischen 1880 und 1940 erbaut. Die Straße überquert mehrmals die Grenze, da der Grenzverlauf in der Region vor 1947 teilweise ein anderer war als heute. Am Scheitel des Colle di Tenda Richtung Westen zweigt die Piste zur Baisse de Peyrefique ab, einem Sattel auf einer Höhe von 2028 m.

Die Ligurische Grenzkammstraße wäre ganz sicher eine eigene Tour wert. Allerdings mit weniger Gepäck. Auf Schotter bergauf wie bergab ist eine derartige Tour mit so viel Gepäck nicht wirklich machbar.

Der Colle di Tenda (deutsch Tenda-Pass, französisch Col de Tende) ist ein Übergang über die Alpen zwischen Italien und Frankreich. Er trennt die Seealpen von den Ligurischen Alpen. Die gleichnamige, unter Napoleon ausgebaute Passstraße verbindet den Großraum Turin mit Nizza über die Städte Cuneo im Piemont und Ventimiglia am Mittelmeer. Der Pass selbst gilt als der südlichste der großen Alpenpässe. Die Passhöhe in 1870 m Höhe liegt direkt auf der Grenze zwischen Frankreich und Italien. Die Südrampe der Passstraße zählt mit ihren teils dicht übereinanderliegenden 48 Kehren zu den spektakulärsten Passstraßen der Alpen. Sie ist nur zum Teil asphaltiert, ab Kehre 31 bis Kehre 48 (ungefähr 300 Höhenmeter und 4 km) ist die Passstraße geschottert. Für den KFZ-Verkehr wurde die Südrampe vor kurzem freigegeben. Es gibt eine Ampelregelung. Und das ist auch gut so.

Auf der Passhöhe des Colle di Tenda befinden sich umfangreiche Festungen aus dem 19. Jahrhundert, die von Italienern erbaut wurden. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nutzlos, als im Friedensvertrag zwischen Italien und Frankreich 1947 die Grenze hinter die Festungen verlegt wurde.

Das Forte Centrale (frz. Fort Central) wurde 1880 erbaut, als das Gebiet zu Italien gehörte. Mit 1908 m Höhe liegt die Festung etwas höher als der Pass. 1947 wurde die Gemeinde Tenda, und somit auch die Festung, an Frankreich abgetreten.

Gleich daneben liegt das Fort Colle Alto. Es wurde von den Piemontesen von 1881 bis 1885 nach Plänen von Giuseppe Maggia und Bartolomeo Mersi erbaut und ebenfalls ab 1947 nach dem Vertrag von Paris an Frankreich übergeben!

Ich muss ehrlich sagen, ich war überwältigt, als ich da oben auf dem Colle di Tenda stand! Die Auffahrt war schon ein Erlebnis. Und der Blick von oben erst recht. Ein absolutes Highlight! Der Pass ist ein Juwel. Und die Gegend sowie das Panorama oben ein Traum.




Das erste, was ich anpeilte, waren die beiden Forts in der Nähe, Fort Central und Fort Colle Alto. Ich ließ mein Rad samt Gepäck stehen und stapfte hinauf.













Blick auf das Fort Marguerie:


Von hier aus hatte ich auch einen guten Blick auf die Südrampe der Passstraße mit ihren vielen Kehren! Wie man allerdings die Kehren aus dieser Perspektive sehen kann, ist mir ein Rätsel. Dieses Foto stammt aus dem Internet:


Vermutlich stammt es aus der Vogelperspektive. Meine Fotos zeigten nie alle Kehren auf einmal.



Nach meiner Besichtigungsrunde kehrte ich wieder zu meinem Rad zurück und fuhr die Südrampe hinunter. Was für eine Abfahrt! Was für ein Erlebnis!












Nach Kehre Nr. 31 ging der Schotter in Asphalt über. Teilweise war der Belag ganz frisch asphaltiert, teilweise alt und brüchig. Warum man nur abschnittweise neu asphaltiert hat, ist mir ein Rätsel. Aber ich muss nicht alles verstehen.






Bei den letzten der 48 Kehren konnte ich bereits die Baustelle des südlichen Tunnelportals sehen. Es wird kräftig gebaut! Wie lange noch, steht wohl in den Sternen. Meine Vermieterin in Panice Soprana meinte gestern, das dauert sicher noch bis 2025.


Kaum war ich an der Tunnelbaustelle vorbei, passierte ich die französische Grenze und fuhr die Roya entlang. Die Informationen, die ich gelesen hatte, waren noch untertrieben. Man sieht an allen Ecken und Enden die Verwüstungen der Unwetter im Jahr 2020. Es ist teilweise unvorstellbar, mit welcher Gewalt die Wassermassen und die Geröllmassen gewütet haben müssen. Ich passierte vor allem im oberen Abschnitt eine Baustelle nach der anderen, eine Ampelregelung nach der anderen. Im oberen Royatal fuhr ich zweimal über rohe Baustellenbereiche. Und die Spuren der Zerstörungen reichten weit ins Royatal hinunter.













Erkennbar war aber auch, dass schon viel gemacht wurde. Neue Straßenabschnitte, neue Brücken, Behelfsbrücken. Das muss man auch dazu sagen. Und je weiter ich im Royatal hinunter fuhr, desto größer wurden die Abstände zwischen den Baustellen.

Ich fuhr auch nicht NUR durch Baustellen, sondern auch durch viele Ortschaften und Dörfer. Die Landschaft im Royatal ist richtig schön. Man fährt die Roya wie durch eine Schlucht entlang, die links und rechts von bewaldeten Felswänden gesäumt ist. Eine sehr schöne Landschaft!











Und kaum hatte ich die französische Grenze überschritten, war ich auch schon wieder in Italien.

Örks .... Tunnel mit einer Länge von 2,34 km. Das ist schon ein bissl viel mit dem Rad. Ahh... Fahrradfahren verboten. Das auch noch. Eh klar. Ich machte eine Kehrtwendung und sah eine Umfahrungsstraße durch Airole, die wieder zurück auf die SS20 nach dem Tunnelausgang führte. Glaubte ich zumindest. Nach 1,5 km war die Straße gesperrt wegen einer Baustelle. Ging nicht. Ich studierte googlemaps, ich studierte mein Navi. Da war sonst nichts. Keine weitere Umfahrungsstraße. Links Felswand, rechts Felswand, in der Mitte die Roya und neben ihr die SS20 mit dem Tunnel. Also fuhr ich doch wieder rauf auf die Staatsstraße, Augen zu und rein in den Tunnel.



Wohl war mir nicht dabei, in den Tunnel hineinzufahren. Anfangs ging's. Es war nicht viel los auf der Straße bzw. im Tunnel, und die wenigen Autos, die mich überholten, konnten problemlos an mir vorbeifahren. Dann sah ich einen Wohnwagen im Rückspiegel. Er blieb hinter mir. Zu wenig Platz, um mich zu überholen. Zwei weitere Autos hinter dem Wohnwagen wurden ungeduldig, blendeten ihn an und hupten. Einer der beiden Ungeduldigen ließ seinen Motor aufheulen, fuhr auf die Gegenfahrbahn und überholte mit quietschenden Reifen. Dabei hupte er mich an. Jo eh .... 
Kurz danach sah ich eine Ausweiche auf der rechten Seite und machte dem Wohnwagen und den nachfolgenden Autos Platz. Anschließend fuhr ich wieder zurück auf die rechte Fahrbahn. Ein weiteres Auto hinter mir hupte mich an und überholte mich nicht. Ich trat in die Pedale. Aber mehr als 35 km/h schaffte ich trotzdem nicht. Anblenden, hupen, jessas ..... Als der Tunnel endlich zu Ende war, war ich am Ende meiner Nerven.

Ich schaute mir den Abschnitt am Abend noch einmal an. Da war keine Möglichkeit! Außer umzukehren. Wenn die einzige Umfahrungsstraße gesperrt ist, hätte ich nur noch die Roya entlang schwimmen können.

Um 15 Uhr 45 hatte ich Blick aufs Meer! Ich hatte das Meer in Ventimiglia erreicht! Hier mündet auch die Roya ins Mittelmeer. Und um 15 Uhr 55 erreichte ich mein vorgebuchtes Hotel.



Abend gegessen hab ich auch schon in einer Pizzeria in Strandnähe.

Diese Etappe war ein absolutes Highlight. Alpenüberquerung über einen richtig tollen Pass, Royatal und Wiedererreichen des Mittelmeers. Und das bei Kaiserwetter.

Mittagessen: Panini in einem kleinen Imbiss in Breil-sur-Roya
Übernachtung: Hotel Calypso - Zimmer groß komfortabel, WLAN funktioniert super. Preis leistbar!
Abendessen: Linguini mit Meeresfrüchten in einer Pizzeria in Strandnähe.

Gesamtstrecke 71,71 km
Zeit in Bewegung 4 h 25'
Gesamtzeit 7 h 34'
Temperatur in der Früh 12 °C, tagsüber bis zu 29 °C
Sonne mit ein paar kleinen Wölkchen, blauer Himmel

Summe aller Steigungen: 587 m
Höhe Panice Soprana: 1.411 m ü NHN
Höhe Ventimiglia: 12 m ü NHN

2 Kommentare:

  1. Bravo, geschafft…die Bilder sind kein Wahnsinn…sooooo schön..man bekommt richtig Lust auf diese Gegend, aber ich mit Auto…

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  2. Die Bilder sind EIN Wahnsinn, aber ich Sitz im Zug nach Bregenz mit 40 Minuten Verspätung ab Wien……

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